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pax christi-Mitglieder begaben und begeben sich auf Spurensuche – durch
das Erforschen von Orten der Zwangsarbeit in der eigenen Stadt oder
Gemeinde, das Initiieren von Gedenktafeln und Gedenkfeiern – aber auch
durch direkte Begegnung mit Opfern des Nationalsozialismus.
pax christi Münster hat einen Schwerpunkt auf die Begegnung und
Versöhnung mit den niederländischen Nachbarn gelegt. In Gronau-Losser
wurde im April 2004 direkt auf der deutsch-niederländischen Grenze ein
Versöhnungskunstwerk mit dem Titel „Von Angesicht zu Angesicht“
eingeweiht und markiert nun einen Ort für Begegnungen.
Die pax christi-Bistumsstelle Regensburg hat in den vergangenen Jahren mehrere ehemalige ZwangsarbeiterInnen nach Regensburg eingeladen. Eine von ihnen ist Anna Sliptschenko-Burlatschenko aus der Ukraine. Ein Eindruck ihres Leidens gibt ein kurzer Bericht.
„Es war sehr ungerecht. Wie kann man Müttern ihre Kinder wegnehmen?“,
fragt Anna Sliptschenko-Burlatschenko, die am 22. Juni 1944 im Alter
von 15 Jahren nach Deutschland deportiert wurde. „Eigentlich haben die
Deutschen so junge Leute nicht rekrutiert, doch ich habe wie eine
18-Jährige ausgesehen. So haben sie mich mit den anderen
zusammengetrieben und nach Deutschland gebracht.“ Das Ziel für die
junge Frau aus der Ukraine war Regensburg.
(...) Auch sie wurde bei Messenschmitt angelernt. Man brachte ihr
zunächst bei, Schrauben genau einzudrehen und Metall zu schneiden.
Danach fing sie in einer anderen Werkhalle zu arbeiten an und musste
dort Nieten mit einem Luftdruckhammer in Bleche hämmern. Doch das
15-jährige Mädchen war unerfahren und machte anscheinend einen Fehler.
Da sie aber für ihr Produkt verantwortlich war, wurde sie von der
Gestapo festgenommen. Man unterstellte ihr einen Sabotageversuch. Die
Folge: Anna Sliptschenko-Burlatschenko wurde verhaftet. Die nächsten
vier oder fünf Monate verbrachte sie in der Regensburger Augustenburg,
dem Gefängnis in der Augustenstrasse. (....) Das Mädchen musste während
ihrer Haft zuerst in der Schnupftabakfabrik arbeiten und Tabakpäckchen
abfüllen und abwiegen. Doch sie vertrug die schlechte Luft nicht und
magerte völlig ab. Sie fragte eine Aufseherin, ob sie nicht woanders
arbeiten könne, und wurde daraufhin dem Milchwerk zugeteilt. Dort
musste sie die großen Milchkannen auswaschen. Im Milchwerk arbeiteten
viele Zwangsarbeiter, aber an die genaue Zahl kann sie sich nicht mehr
erinnern. Es war eine körperlich sehr anstrengende Arbeit. Später wurde
sie einem Lazarett zugeteilt und musste dort den Boden und die Treppen
putzen. Nach ihrer Haft kam sie wieder zu Messerschmitt zurück. Von
ihren Eltern bekam sie nur in der ersten Zeit Päckchen und Briefe. Sie
freute sich über jede Nachricht von ihnen. Durch den veränderten
Frontverlauf kam später aber keine Post mehr durch (...).
Als die Amerikaner kamen, freute sie sich darüber, dass sie bald in
ihre Heimat zurückkehren und, wie sie hoffte, ihre Familie und Freunde
wieder treffen würde. Sie wurde mit anderen nach Budweis gebracht. Dort
wartete allerdings der KGB auf sie. Die Frage, ob sie von der Gestapo
verhört worden war, bejahte das Mädchen naiv: „In diesem Augenblick
drehte man den Schlüssel im Schloss um und ich kam erst nach Jahren
wieder frei. Man unterstellte mir Kollaboration mit den Faschisten.“
Der Grund: Sie habe unterschrieben, dass sie mit den Deutschen
zusammenarbeiten werde. „Sonst hätte ich das Gestapo-Verhör nicht
überlebt“, erklärt die energische alte Frau. Die Folge: An ihrem 18.
Geburtstag wurde sie wegen Staatsverrats zu zehn Jahren Haft in einem
Arbeitslager verurteilt. Ihre Eltern, die noch fünf weitere Kinder
hatten, wurden enteignet. Sie mussten sich ihr eigenes Haus vom Staat
zurückkaufen. (...) Nach Stalins Tod 1953 wurde sie begnadigt – nach
acht Jahren und acht Monaten in dem Arbeitslager. 1957 wurde sie
rehabilitiert. Zunächst stand aber in ihrem Ausweis, sie sei
vorbestraft, und deshalb fand sie in der Ukraine keine Arbeit.
„Wir hatten kein Geld, nichts zum Anziehen, also konnten wir uns kein
Kind leisten“, sagt sie traurig. Deshalb fuhr sie mit ihrem Mann in den
Norden. Beide arbeiteten dort als Holzfäller und so konnten sie etwas
Geld sparen. Dort kam ihre erste Tochter zur Welt. Heute hat sie zwei
erwachsene Kinder. Von ihrem Schicksal erzählte sie ihnen erst in den
90er Jahren. (...) “Zwölf Jahre meiner Jugendzeit wurden ausgelöscht“,
sagt sie bitter.