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Dt.Sektion pc und Kongo

Die deutsche Sektion von pax christi und die Arbeit im Kongo

Der Anfang war der kongolesisch-deutsche Kreis in Bonn, der sich in den späten 1990er Jahren gelegentlich traf und mit kleinen Veranstaltungen auf die große Not in der DR Kongo und ihre politischen Dimensionen aufmerksam zu machen versuchte. Daraus ging Anfang 2000 ein politischer Appell hervor. Genauer gesagt „der“ Internationale Kongo-Appell, eine große Aktion, unterschrieben von ca. 50 Prominenten aus Politik und Gesellschaft. pax christi und viele andere Einzelpersonen und befreundete Organisation, unter ihnen Hildegard Goss-Mayr, Präsidentin des Internationalen Versöhnungsbundes (IFOR) aus Österreich, einte die Wut über den ungebremsten Waffenfluss in die Kriegsgebiete.

Aus dieser Initiative ging die Gründung einer pax-christi-Kommission hervor, die der inzwischen verstorbene, aber unvergessene Andreas Schillo gegen so manchen Bedenkenträger per Akklamation durch die Delegiertenversammlung von Pax Christi im November 2000 durchsetzte. Sie gab sich den ambitionierten Titel: "Solidarität mit Zentralafrika". Afrika im Allgemeinen und die Region der Großen Seen im Besonderen gehörten bis dahin nicht gerade zu den Brennpunkten internationaler Friedensarbeit. Auch in der Friedensbewegung in Deutschland war der Informationsstand schwach. Zu den Aufgaben der Kommission gehörte einerseits die Fortführung der Anliegen des Appells gegen den Waffenhandel, Fragen der Transformation der Kriegs- in eine Friedensökonomie, Lobbyarbeit für den Kongo, Verbreitung von Kongo-Informationen und Unterstützung der Friedensarbeit kongolesischer Partner. In guter pax christi-Tradition wurde letzteres zunächst auf Bistumsstellenebene begonnen und zwar hauptsächlich im Bistum Köln.

Die beiden wichtigsten Kontakte wurden „Jumelage“ genannt - kleine „pax christi-Pflänzchen“, die von Deutschland aus „begossen werden“ mussten, wie sich Andreas Schillo auszudrücken pflegte. Das sah am Anfang konkret so aus, dass die pax christi-Gruppe Kikwit immer mal wieder ein paar hundert Dollar für Projekte und für ihre Gruppenarbeit von pax christi in der Diözese Köln zugesteckt bekam und ebenso pax christi Bukavu, eine Gruppe, die sich dort auch gerne „Nous sommes frères“ nennt - „Wir sind alle Brüder“. Initiiert vom Internationalen Kongo-Appell begann auch bei Pax Christi International mit Sitz in Brüssel ein Ansatz zu koordinierter Solidaritätsarbeit für die Region der Großen Seen. Die deutsche Sektion hat hier von Anfang an bei den regelmäßigen Treffen der internationalen Arbeitsgruppe Große Seen mitgewirkt. Mit dabei waren, neben der deutschen, vor allem die belgischen und holländischen Sektionen, später auch die italienische und französische.

Netzwerk Große Seen

Im Zusammenhang mit dem zunehmenden Engagement von Pax Christi International entstand ein Netzwerk von regionalen Organisationen, die sich mit den Anliegen der katholischen Friedensbewegung verbunden wissen. Schwerpunkte waren hier jährliche gemeinsame Friedenswochen und bisher vier regionale Konsultationen sowie bisher zwei panafrikanische Konsultationen, zu denen die deutsche Sektion jeweils Vertreter entsandt hat. Und hieran nahm dann oft auch Erzbischof Monsengwo teil, der damals noch in Kisangani residierte und gleichzeitig einer der Vizepräsidenten von Pax Christi International war. So lernten eigentlich alle Freunde von pax christi im Kongo rasch den Vorsitzenden der kongolesischen Bischofskonferenz und seit kurzem Erzbischof von Kinshasa persönlich kennen. Im November 2007 wurde Erzbischof Monsengwo als Nachfolger von Patriarch Michael Sabbah (Jerusalem) zum Ko-Präsidenten von Pax Christi International gewählt. Im Übrigen stärkten persönliche Besuche aus Deutschland im Laufe der Jahre insbesondere den Kontakt zu pax christi Bukavu. Im Jahr 2003 war ein Vertreter der Partnergruppe in Bukavu, Emanuel Bizimwa, bei uns in Deutschland, u.a. als Gast auf der Jahrestagung des Versöhnungsbunds mit dem Schwerpunktthema Friedensarbeit in Afrika. Ein Höhepunkt der Zentralafrikaarbeit innerhalb der deutschen Sektion von pax christi war die Reise des Generalsekretärs der deutschen Sektion, Reinhard Voß, im Anschluss an die 4. Regionalkonsultation in Kigali (Januar 2007) in den Kivu und nach Bukavu. Damit ist die Zentralafrika-Solidarität wohl definitiv im Zentrum der Bewegung in Deutschland angekommen.

Zusammen mit den anderen Gruppen im Netzwerk Große Seen hatten die Mitgliedsgruppen im Netzwerk Große Seen von Pax Christi International schon seit mehreren Jahren regelmäßig im Herbst eine Friedenswoche organisiert. Unsere Freunde in Bukavu machten das manchmal zusammen mit ruandischen Friedensgruppen aus dem benachbarten Cyangugu – was jedoch im vorigen Jahr zu politischen Implikationen führte. Die offizielle Feindschaft zwischen Ruanda und Kongo ließ solche „Graswurzelkontakte“ sowohl in Kigali als auch von der Provinzregierung des Kivu als „subversiv“ erscheinen, sodass zeitweise beträchtliche Schwierigkeiten entstanden - mit der Polizei, mit den Behörden und den Militärs. Das gegenseitige „offizielle“ Mißtrauen war einfach zu groß – ein weites Feld für Friedensarbeit... Die gründlich vorbereitete Einrichtung einer Stelle des Zivilen Friedensdienstes bzw. einer Stelle für einen Friedensarbeiter in Bukavu im pax christi Bereich zur Förderung dieser Friedensarbeit scheiterte leider – eine große Enttäuschung für die pax christi-Kommission „Solidarität mit Zentralafrika“.

Schulprojekt für Straßenkinder

Bei Nous sommes frères in Bukavu entstand schon früh von den führenden Gruppenmitgliedern eine Sozialarbeit mit Straßenkindern, die Jahr für Jahr mit jeweils etwas größeren Beträgen von der Bistumsstelle Köln aus gefördert wurde. Man holte die Kinder von der Straße, brachte sie bei Verwandten oder Menschen guten Willens unter und sorgte vor allem für ihren Schulunterricht. Unserer Ansicht nach zeigt dieses Projekt, dass man durchaus auch auf bescheidener Ebene und ohne große Finanzierungsagentur im Hintergrund erfolgreiche Projektarbeit machen kann. Derzeit gehen 290 Kinder in das Institut „Tunzo la mayatima“ und werden dort von sieben vormals arbeitslosen Lehrern unterrichtet, man muss sagen für einem Hungerlohn, den wir gerade im vorigen Jahr auf 50 Dollar pro Monat erhöhen konnten. Inzwischen will man die Arbeit ausweiten und neue Lehrer einstellen, um eine größere Kinderzahl aufnehmen zu können.

Von Deutschland aus werden vorläufig vor allem die Lehrergehälter gefördert, aber daneben auch einige Seminare, die nicht direkt etwas mit der Schule zu tun haben, aber umso mehr mit den Probleme des Kivu. Dazu gehörten im letzten Jahr solche zur Bewältigung von Traumata bei vergewaltigten Frauen oder Kindersoldaten. Übrigens haben so nebenbei sechs ehemalige Kindersoldaten im Umfeld der Schule eine Schreinerei gegründet und man hofft, dass später einige Schüler dort unterkommen können. Die Lehrer stellen mit einigen Schülern in ihrer Freizeit Karten mit afrikanischen Motiven aus Bananenblättern her, eine lokal übliche Kleinkunst, die wir teilweise in Deutschland als „Grußkarten“ oder zu Weihnachten (mit christlichen Motiven zur Geburt Jesu -afrikanisiert selbstverständlich-) gerne zugunsten des Projekts verkaufen.

Friedenskonferenz Goma

Für das Netzwerk Große Seen war dann auch kein Wunder, dass ein Vorstandsmitglied von pax christi Bukavu im Auftrag der Zivilgesellschaft der Provinz Süd-Kivu kürzlich als Delegierter zur Friedenskonferenz nach Goma entsandt wurde, die im Januar stattfand. Diese Friedenskonferenz hatte einige ungelöste Fragen von Sun City zu lösen, jener Konferenz, die in Südafrika seinerzeit den Kongokrieg beendete und wo eine Übergangsregierung mit den vorher verfeindeten Rebellengruppen vereinbart worden war. Sun City hatte dem Kivu leider noch keinen Frieden gebracht, weil insbesondere Milizen im Namen der kongolesischen Tutsis, deren Vorfahren aus Ruanda in den Kongo flüchteten oder übersiedelten und ruandische Hutumilizen, die nach 1994 in den Kongo geflüchtet waren weiterhin als „negative Kräfte“ Unruhe stifteten und stiften.

In Goma waren immerhin alle bisher verfeindeten Kräfte auf der Konferenz vertreten – zusammen mit lokalen und regionalen Honoratioren, traditionellen Stammesführern, Abgeordneten der Nationalversammlung und der Provinzparlamente und eben Vertreter der Zivilgesellschaft, gegen welche im Kongo keine staatliche Macht regieren kann. Die Konferenz bewirkte, dass man sich tagelang die Ansichten der vorher verfeindeten Gruppierungen angehört hat und die „Krisis“ brachte schließlich hier und da auch Schuldbekenntnisse, Einsichten, Lernprozesse, ja, Versöhnungsszenen hervor. Nach mehr als drei Wochen und mehreren Konferenzverlängerungen gab es denn auch durchaus respektable Ergebnisse - ein Friedensabkommen mit fast allen Rebellengruppen. Lediglich die Hutumilizen sind noch nicht voll mit einbezogen, weil sie, so die Ansicht der Kongolesen, eigentlich ein ruandisches Problem darstellen. Man empfiehlt den Nachbarn also einen innerruandischen Dialog unter Einbezug der Hutus, die im Kongo leben, was Kigali bisher allerdings strikt ablehnt, da man in diesen Hutus lediglich „Völkermörder“ sieht, welche vor Gericht gehörten. Auch wenn der Waffenstillstand immer noch nicht besonders stabil ist, wurde in Goma doch ein wichtiger Schritt getan – und das unter den wachsamen Augen von rund 1.800 Delegierten aus der ganzen Region - hinter den es kein „Zurück“ mehr gibt. So jedenfalls sehen es unsere Freunde in Bukavu.

Für pax christi im Kongo beginnt jetzt eine Zeit der Konsolidierung der Friedensarbeit und der Mithilfe bei der Bewältigung der Kriegsfolgen. Viele Gruppen beschäftigen sich mit Traumaarbeit. Im Osten sind nicht wenige Kinder nur durch den Krieg auf der Straße gelandet. Die Entwaffnung der Milizen ist noch lange nicht abgeschlossen – die Ostprovinzen strotzen vor Kleinwaffen. Wichtigste Aufgabe der Zivilgesellschaft allerdings – und damit auch für Gruppen wie pax christi – ist jedoch die Wachsamkeit für den demokratischen Prozess und die Förderung einer Friedenskultur, basierend auf der Philosophie der Gewaltlosigkeit, welche nach all den Kriegsjahren im heutigen Kongo – wie in jeder Nachkriegsgesellschaft – offene Ohren findet. Autor: Heinz Rothenpieler, Februar 2008

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