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Bibel lesen in Zeiten von Unrecht und Gewalt - Bericht zum Pax-Christi-Kongress 2009: Aufrichten - Aufstehen - Widerstehen ...
Unsere pc-Kommission hat im Mai 2009 eine Arbeitsgruppe beim pc-Kongreß in Magdeburg gestaltet. Kommissionsmitglied Maria Beineke-Koch schreibt in ihrem Bericht: Der Kongress ist aus meiner Sicht insgesamt, sowohl atmosphärisch wie auch inhaltlich, gut verlaufen. Der Referent am Samstag vormittag, Urs Eigenmann, hat viele Impulse geliefert für die eigene Weiterarbeit zu ausgewählten Bibelstellen. Teilgenommen haben gut 50 Personen, ich hätte dem Kongress noch mehr Resonanz gewünscht. An unserer Arbeitsgruppe, die wir zu einer Auseinandersetzung mit Röm 5,1-11 angeboten haben, haben sechs Personen teilgenommen, das war ein intensiver Austausch, vom Aufbau her ist es meines Erachtens ganz gut gelungen. Zwei kleine Ergebnisse, die natürlich nicht den Gesprächsverlauf wiedergeben können: Parallelen, die wir zwischen der Pax Romana und der Situation in Ruanda gesehen haben: * Sicherung durch militärische Macht * Expansion * Mißachtung der Rechte bestimmter Bevölkerungsgruppen - Unterdrückung * Setzen auf wirtschaftliche Entwicklung * Ideologie der " Einheit" - im römischen Reich Verpflichtung auf Kaiserkult, in Ruanda Vorschreiben einer Sprachregelung bzgl. des Genozids von 1994 * "In-Frage-Stellen-Gottes" - im römischen Reich den Glauben an Jahwe - in Ruanda grundsätzliche Zweifel an Gott nach dem Genozid " Gott kommt nicht mehr zum Schlafen nach Ruanda". pax christi beinhaltet dem gegenüber ( in Anlehnung an Röm 5,1-11): * Befreiung von Mißtrauen, Haß und Gewalt * Solidarität mit allen Leidenden fordert Opfer, endet am Kreuz und geht doch weiter beginnt beim Einzelnen - innerer Friede von Gott geschenkt- annehmen können - Glaube Erfahrung der Unterstützung durch Andere In den beeindruckenden Abschlussgottesdienst am Sonntag vormittag flossen Beiträge der einzelnen Arbeitsgruppen ein, die sich gut in Ihrer Fülle ergänzten. Wir haben zu Beginn ein Element gestaltet mit Klage: " Wir haben in unserer Arbeitsgruppe den Römerbrief, Kap 5, gelesen und darüber nachgedacht, in welcher Situation dieser Text entstanden ist und ihn auch auf die heutige gesellschaftliche Situation in Ruanda bezogen. Dabei sind uns zwei Verse sehr wichtig geworden: Mehr noch, wir rühmen uns ebenso unserer Bedrängnis, denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Wir sehen die Menschen in Ruanda noch immer in grosser Bedrängnis leben. In dieser Bedrängnis rufen wir zu Dir, Gott: Wir klagen über den massiven Ausbruch von Gewalt in Ruanda, dem so viele Menschen zum Opfer fielen, und der die Überlebenden traumatisiert hat. Wir beklagen das gesellschaftliche Klima in Ruanda, das es nicht möglich macht, das Leiden offen auszusprechen und den Opfern dadurch ihre Würde zurückzugeben. Wir bringen vor Dich unsere Ohnmacht angesichts der herrschenden Verhältnisse und bitten um Geduld und Hoffnung." Anschließend gab es Raum für alle, das, was sie beklagen, zu benennen.
Aus dem Kongo-Presse-Tagebuch vom 12. August 2009
Die Reise von Hillary Clinton ist offenbar wie Balsam auf dieWunden der Kongolesen. Heute titelt Le Potentiel: Ausplünderung der Bodenschätze – Clinton kritisiert "eine sehr kleine Gruppe"von Profiteuren. Die Botschaft der Kongolesen sei erhört worden. Die amerikanische Außenministerin, obwohl Diplomatin, hielt die erwartete Rede an das kongolesische Volk. Sie habe bekräftigt, daß die USA dem Kongo Hoffnung geben wollten, dem Land zu helfen, damit ein neues Kapitel der kongolesischen Geschichte geschrieben werden könne. Sie habe auch den "außergewöhnlichen Mut" gehabt, indem sie auf das Böse im Inland den Finger auf die Wunde gelegt habe. Die Bodenschätze sollten zugunsten des kongolesischen Volkes genutzt werden, nicht nur von einer sehr kleinen Gruppe, die derzeit üblicherweise davon profitierten. Die Unternehmen und Länder, welche den Reichtum mitnähmen, ohne etwas zurückzugeben, seien zu verurteilen. Das sei ein klares Signal gegen die illegale Bereicherung und die Ausbeutung der Reichtümer als Kriegsursachen...
Kongo zwischen Krieg und Frieden
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Im Herbst 2008 meldeten die Zeitungen wieder Krieg und Hunderttausende neuer Flüchtlinge im Ostkongo: Der kongolesische Tutsi-General Nkunda marschierte auf die Provinzhauptstadt Goma zu. Waren alle Friedensbemühungen nutzlos gewesen? International wurde nach den Konfliktursachen gesucht und am 13.12. veröffentlichten UNO-Experten ihre Ergebnisse: Nkunda ist von Ruanda unterstützt worden. Hintergrund des Krieges seien Rohstoffinteressen. Am gleichen Tag war ein langes Interview mit Ruandas Präsident Kagame in der Financial Times zu lesen: Rechtfertigung seiner Kongopolitik („Kampf gegen Völkermörder). Aber Kagame ging auch allmählich auf Distanz zu Nkunda. Am 20. Januar 2009 geschah, was zuvor niemand für möglich gehalten hatte: Ausgerechnet Ruanda verhaftete Nkunda. Offiziere seiner Miliz hatten einen Separatfrieden mit Kinshasa geschlossen. Die ruandische Armee verbündete sich plötzlich mit der kongolesischen, um gegen störende Hutumilizen vorzugehen. Doch die Soldaten blieben erfolglos, aber alles hatte dem Image Ruandas genutzt, das internationalem Druck nachgab. Militärisch ist den Hutumilizen derzeit nicht beizukommen, die sich durch illegale Rohstoffausbeutung finanzieren und im undurchdringlichen Regenwald schier unermeßliche Rückzugsgebiete haben. Deshalb fordert die pax-christi-Kommission „Solidarität mit Zentralafrika“, gemeinsam mit vielen Kongolesen, stattdessen einen politischen Dialog mit den Hutumilizen zu beginnen, die längst nicht mehr nur die „Völkermörder“ von 1994 sind, sondern junge Leute aus damals geflüchteten Hutufamilien.
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Wer heute in den Kivu kommt, sieht wenig Militärs. Im Südkivu sind die meisten Kindersoldaten demobilisiert und in die Dörfer zu Familie oder Verwandten zurückgekehrt. Ihre Integration bereitet Schwierigkeiten. Viele von ihnen sind seelisch zerrüttet. Deshalb fördern unsere Partner Berufsausbildungen. Die Pax-Christi-Gruppe Bukavu hat im Stadtteil Panzi eine Schreinerei aufgebaut, wo regelmäßig Ausbildungskurse stattfinden, gefördert vom Andreas-Schillo-Fonds der Bistumsstelle Köln. Doch auch „Tunza la Mayatima“, eine Schule für ehemalige Straßenkinder, hat mit Kölner Unterstützung inzwischen 6 Klassen der Sekundarstufe 1 eingerichtet, drei davon in Baracken, drei weitere unter recht zugigen Zeltplanen. Die Kindersoldaten haben alle Klassen mit Schulbänken ausgestattet. Pax Christi Bukavu führt außerdem Seminare zu Traumaarbeit durch, für ehemalige Kindersoldaten und für vergewaltigte Frauen. Unmittelbar neben der Schule liegt das inzwischen weltweit zu trauriger Berühmtheit gelangte Krankenhaus Panzi, in dem tausende mißhandelter Frauen behandelt werden. Der Krieg hat im Kivu tiefe Wunden hinterlassen. Derzeit bereitet der Rückgang der Landwirtschaft Kummer, was geradewegs zu Hunger führt. 2008 hat der Kongo die traurige Spitze beim Welthungerindex erklommen. Friedensarbeit im Kongo kann daran nicht vorübergehen. Deswegen beteiligen wir uns in diesem Jahr an einem Mikrokreditfonds. ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Photo: ehemaliger Kindersoldat, von Pax Christi Bukavu zum Schreiner ausgebildet, beim Praktikum März 2009
Jahresbericht Pax Christi Bukavu 2008
Unser wichtigster Kontakt im Kongo ist mit der Gruppe in Bukavu. Zu Kikwit besteht kein Kontakt mehr. Diesen hatte Anfang der 90er Jahre Thomas Gerhards geknüpft, jedoch konnte dies nicht fortgesetzt werden. Wir haben mit dem Andreas-Schillo-Fonds im letzten Jahr zwei Projekte unserer Partner Pax Christi Bukavu/Nous sommes frères fördern können.
pc-Kommissionsmitglied in Diskussion mit Entwicklungshilfeministerin in Mainz am 6.3.09
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Kongo - Krieg im Herzen Afrikas - Der Beitrag Europas zur Konfliktlösung. Das war der Titel einer Veranstaltung des Netzwerkes "Gewalt löst keine Konflikte" in Mainz mit der Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Heidemarie Wieczorek-Zeul und pc-Kommissionsmitglied Heinz Rothenpieler am 6.März. Der Beitrag von H.Rothenpieler hatte den Titel "Rohstoffkrieg oder Bürgerkrieg?"
Demokratieexport in Gummersbach
Ausgerechnet die Theodor-Heuss-Akademie der Friedrich-Naumann-Stiftung kam auf die Idee für eine Tagung zum Thema „Universalität der Demokratie“ einen Vertreter der Pax-Christi-Bistumsstelle Köln einzuladen. Neben einem Prof. Dr.Dr.h.c. hätten wir natürlich gut daran getan, unseren lieben Dr.Heinz Werner Wessler dahin aufs Podium zu schicken. Aber Heinz Werner steht ausgerechnet kurz vor seiner Habilitationsvorlesung und war unabkömmlich. Da sollte also der derzeitige Sprecher der pc-Kommission „Solidarität mit Zentralafrika“ ran. Kein Doktor., schon gar kein Professor, sondern, wie ich mich dann auf dem Podium vorstellte „ein Mensch der Praxis“. Und Thema war „Demokratieexport mit allen Mitteln?“ Vielleicht war angedacht, daß jetzt diskutiert werden sollte, ob nicht auch die Bundeswehr (in Afghanistan und wo auch immer) im Dienste des „Demokratieexportes“ zu stehen habe. Na ja, zugegeben, wir hatten so einige Probleme, ob ich überhaupt teilnehmen solle. Normalerweise sitze ich ja nicht auf solchen Podien... Andererseits bin ich bei Dialog International in einer „Fördergemeinschaft für demokratische Friedens-Entwicklung“ im Vorstand und aus kongolesischer Sicht liesse sich vielleicht doch auch einiges beitragen.
So fuhr ich also am 15. Mai nach Gummersbach und saß neben dem Herrn Prof.Dr.Dr.h.c. auf dem Podium und uns gegenüber sassen rund 30 Naumann-Stipendiaten – alles auch noch Doktoranden. Ach du meine Güte. Aber dann waren die Doktoranden tatsächlich sehr nett und der Herr Professor hat mir zwar weder vorher noch nachher die Hand gereicht, aber eingangs wenigstens freundlich zugelächelt. Und dann legte er los: Also Demokratie sei schon erfolgreich exportiert worden, erst in die südeuropäischen Länder, nach Griechenland (sic!, ach so, er meinte die Ablösung des Obristenregimes in den 80er Jahren), Italien, Spanien und Portugal. Und dann nach dem Fall der Mauer sei Osteuropa dran gewesen. Jetzt gebe es noch viele Länder, die vielleicht nicht ganz so reif für Demoratie seien. Bei China etwa mit der Geschichte von Jahrtausenden und sooo vielen Menschen, sei Demokratie wirklich schwer vorstellbar (vielleicht hätten wir doch unseren Indologen entsenden müssen?) Und so ging das dann weiter. Der Herr Professor vergass nicht darauf hinzuweisen, daß er normalerweise in Prüfungskommissionen mit Elitestudenten sässe und pipapo und Leute wie mich steckte er auch noch vorab in die Ecke der „Gutmenschen“, was ich dann aber locker als „Politik“ abtun konnte. Als ich dann dran war mit meinem „Statement“ hatte ich einen Paradigmenwechsel vorzunehmen. Also, mit dem Begriff „Demokratie“ und „Export“ hätte ich ja so meine Probleme. Könne sie eigentlich nicht zusammendenken und legte dann los mit afrikanischen Erfahrungen, von denen unten ein paar zitiert sind. Focus war also der Waffenexport, der fast ausschließlich aus diesen wunderbaren Demokratien besorgt werde. Was exportiere man also in Wirklichkeit? Daraus entspann sich dann später eine hochinteressante Diskussion mit guten Ideen der Teilnehmer, die mich in die „Graswurzelecke“ „outeten“, wo ich mich eigentlich recht wohlfühlte. Natürlich hatten die FDP'ler so ihre Probleme mit „Entwicklungshilfe“. Fragen wurden gestellt, etwa, ob sie nicht mehr schade als nutze und deswegen gänzlich überflüssig sei usw. Aber dann war die Diskussion doch spannend und die Handelspolitik kam in den Vordergrund. Der Herr Professor begann die EU-Milchpolitik zu preisen und die armen Milchbauern zu bedauern Und ich bekam die Lacher auf meine Seite, als ich die armen Waffenhändler hinzufügte, die auch eine starke Lobby brauchten, um ihre Arbeitsstellen zu erhalten. Und wegen seiner Haltung zur Milchpolitik, es ging um subventionierte Produkte, die doch segensreich nach Afrika geschickt werden sollten, bekam der arme Herr Professor vom Publikum plötzlich Zynismus attestiert. Am Ende kamen die jungen Leute an und sagten, das sei bisher die interessanteste Veranstaltung ihrer Tagung gewesen. Sie hätten so viele Anregung bekommen. Fazit: Pax Christi darf sich ruhig auch mal von ungewöhnlichen Ecken einladen lassen.
Aus dem Statement von Pax-Christi-Vertreter Heinz Rothenpieler bei der Tagung „Universalität der Demokratie“ der Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach:
Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Weltöffentlichkeit den Kongo erstmals wirklich wahr. Und die Geschichte begann so: Der belgische König Leopold II. war seit der Berliner Konferenz von 1885 persönlicher Besitzer des Kongobeckens. Die Zeitungen priesen ihn, weil er dort den arabischen Sklavenhandel bekämpfe und Arbeiten zum Wohle der afrikanischen Bevölkerung finanziere. Edmund Morel, Angestellter einer Liverpooler Schiffahrtslinie, die das Monopol auf allen Frachtverkehr mit dem „Freistaat Kongo“ besaß, mußte das Beladen und Entladen der Schiffe aus dem Kongo überwachen. Er begann beunruhigende Dinge wahrzunehmen. Nach Europa kamen immer reiche Schätze, vor allem Gummi und Elfenbein. Doch zurück in den „Freistaat Kongo“ gingen immer nur Waffen, Uniformen und Munition. Einen wirklichen Handel, einen Austausch, sah er nicht.
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Edmund Morel erhielt Berichte von Augenzeugen und stellte fest, daß Leopold II. im Kongo einen Sklavenstaat errichtet hatte, der in unglaublicher Brutalität die Kongolesen unterdrückte. Und er begann mit einer Kampagne, welche zur ersten größeren professionellen Friedensbewegung werden würde. Hunderte von Veranstaltungen gegen die Sklavenarbeit im Kongo fanden jedes Jahr vor allem im angelsächsischen Raum statt. Adam Hochschild hat dies vor wenigen Jahren nochmal in seinem berühmten Buch „Schatten über dem Kongo“ nachgezeichnet. Dieses Buch ist - es war wohl um die Weihnachtszeit 2006 - sogar von dem damaligen amerikanischen Präsidenten George Bush gelesen worden. Dieser äußerte sich in einem Interview dazu. Daraufhin schrieb Adam Hochschild einen Leserbrief an die Los Angeles Times: Ach, das sei ja wirklich interessant und Bush könne sich mit seiner Irakpolitik durchaus mit Leopold II. vergleichen. Heute ist Obama Präsident und muß sich mit solch einem Erbe rumschlagen. Leopold II. mußte aufgrund von Morels Kampagne 1908, ein Jahr vor seinem Tod, den „Freistaat Kongo“ als normale Kolonie an den belgischen Staat abgeben.
In einem wesentlichen Punkt hat sich bis heute nichts geändert. Wer denn fragt, wo all die Waffen herkommen, die im Ostkongo zirkulieren, bekommt als Antwort: Bestimmt nicht aus Afrika. Im Dezember 2008 hat eine UNO-Untersuchungskommission klare Antworten geliefert: Der Krieg im Kongo wurde und wird durch illegalen Rohstoffhandel finanziert. Kriminelle Netzwerke verschieben Gold, Coltan, Zinn usw. in die Industrieländer. Die Untersuchung nennt Roß und Reiter. Und mit den Einnahmen werden, wenn wundert's, all die Waffen finanziert. Das ist möglich, weil der nicht regulierte liberale Welthandel dafür Freiräume läßt. Leute, die das Geld haben, können irgendwo diskret Handelsagenturen eröffnen - solange wie die Staaten oder das Völkerrecht hier keinen Riegel vorschieben. Und dafür gibt’s viele Beispiele. Aufgeflogen war z.B. ein „Deal“ zwischen einer deutschen Firma und Libyen vor einigen Jahren. Und auch die Waffenexporte, fast immer aus den Demokratien in Diktaturen, florieren. Das meiste davon geht übrigens in den Nahen Osten - auch nicht unbedingt ein Hort der Demokratie. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Photo: Kindersoldaten im Kongo
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Das Problem des Kongos brachte ein Kommentar des amerikanischen Nachrichten-Fernsehsenders CNN vom 22. Oktober 2008 folgendermaßen auf den Punkt: Titel „Stoppt die 'Vampire' des Kongos“. Autoren waren der Schauspieler Javier Bardem und John Brendergast. Mehr als ein Jahrzehnt lang seien über den Kongo „Wellen von Gewalt“ hinweggegangen und hätten den schlimmsten Krieg in der ganzen Welt verursacht, schreiben die Autoren. Die jüngste Verschärfung des Krieges im September und Oktober habe neue katastrophale Folgen für die betroffene Bevölkerung. Die Verursacher und Koordinatoren dieser Gewalt befänden sich vor allem in einem üblen Wettlauf um die reichsten Rohstoffreserven der Welt. In den Bergwerken des Kongos fänden sich alle Arten von Metallen, die in unseren Computern, Mobiltelephonen, in unserem Schmuck und anderen Luxusgegenständen landeten und wesentliche Gegenstände unseres täglichen Lebens seien. Doch weil in der kongolesischen Kriegszone ein gesetzloser Zustand herrsche und keine Ethik beachtet werde, um die internationalen Begehrlichkeiten für diese Rohstoffe in die Grenzen zu weisen, sei das Ergebnis, daß alles möglich sei. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Photo: Presseveröffentlichung von jugendlichen Goldsuchern im Kongo
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Im Kongo bedeute dies, daß die Vampire an der Macht seien. Die Blutsaugerei nehme im Kongo viele Formen an. Es gebe Militärführer, welche die Bergwerke kontrollierten und die Massenvergewaltigung zur Beherrschung der lokalen Bevölkerung einsetzten oder die Menschen von den Orten vertrieben, die sie kontrollieren wollten. Doch auch die Mittelsmänner, die in den Nachbarländern sässen, gehörten zu den Vampiren. Sie organisierten den Weiterverkauf kongolesischer Rohstoffe an die internationale Geschäftswelt. Hier seien Leute tätig, die oft zu Komplizen würden. Sie seien hinter Rohstoffen wie Zinn und Coltan her, um den unersättlichen Bedarf nach solchen Produkten in Nordamerika, Europa und Asien zu befriedigen. Das führe dazu, daß keine Fragen mehr nach der Herkunft der Rohstoffe, die durch ihre Hände gingen, gestellt würden. Dann gebe es noch solche unschuldige Konsumenten wie uns, denen vollständig unbewußt sei, daß der Erwerb von Mobiltelephonen, Computern und anderen Produkten in der halben Welt schockierende und tödliche Kriege finanziere und die nicht verstünden, daß unser Lebensstandard in gewisser Weise auf dem Leiden anderer basiere. Das Leiden der Bevölkerung im Kongo sei nicht nötig. Wenn es eine funktionierende Regierung dort gäbe und eine Herrschaft des Rechts, dann könnten die Rohstoffe legal und ordentlich abgebaut werden. Wenn es ein Friedensabkommen gäbe, welches alle bewaffneten Gruppen einbezöge, dann würde sexuelle Gewalt als Kriegswaffe beendet werden. Wenn sie für ihre Greueltaten, die im Kongo üblich geworden seien, bezahlen müßten, dann nähmen diese ein Ende. Es gebe viele kongolesische lokale Führer, Kirchen, Politiker, Menschenrechtsaktivisten, Frauenorganisationen und andere, die sich für die Schaffung eines Kongos einsetzten, welches auf Frieden und Sicherheit gründe. Überall in der Welt könnten wir uns dafür einsetzen, diese „Helden des Alltags“ zu unterstützen.
Stichwort Finanzkrise. Vor ein paar Tagen hat der kongolesische Präsident Kabila mit Verwunderung zur Kenntnis genommen, daß sein Land zwar wegen der Finanzkrise vom IWF einen Notkredit bekam, von 300 Mio. Dollar, gleichzeitig aber das viel kleinere Rumänien eine Beihilfe aus dem gleichen Topf in Höhe von 12 Mrd. Dollar. Klar, daß bei solchen Relationen der Kongo sich Hilfe in Asien, vor allem bei den Chinesen sucht, was die Europäer argwöhnisch zu verhindern suchen. [Anmerkung: Derzeit versucht man deswegen den Erlaß der Mobutu-Schulden zu verhindern.]
Noch ein Beispiel. Vor ein paar Tagen war ich in Bonn auf einer Veranstaltung zu den Millenniumsentwicklungszielen, die bis 2015 die Armut um die Hälfte reduzieren sollen. Einer der Referenten berichtete über Untersuchungen zum Kapitaltransfer in der Welt. Dabei erläuterte er, daß der Süden Jahr für Jahr riesige Milliardenbeträge in den Norden transferiere. Erstens Fluchtgelder der dortigen Eliten und zweitens Rückzahlungen von Schulden. Allein im Staatshaushalt des Kongos beispielsweise muß derzeit ein Drittel aller Mittel für den Schuldendienst ausgegeben werden, von Schulden, die Mobutu noch hinterlassen hat. Die gesamte Entwicklungshilfe für Afrika, so der Referent bei der Bonner Veranstaltung, betrage nur einen kleinen Bruchteil dieser Transfers in den Norden. Die Zahlen habe ich mir nicht aufgeschrieben, aber sie sind erschütternd.
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In Deutschland leben viele Afrikaner, darunter viele Studenten. Einige von ihnen bereiten sich auf Führungsaufgaben in ihrem Heimatland wahr. Ich kenne eine ganze Reihe von schon heute führenden Afrikanern, die in Deutschland studiert haben. Was lernen sie in Europa? Ich stelle die These auf, sie lernen vor allem drei Prinzipien, die hier wichtig sind. Erstens eine Kultur, die auf dem Winter-Sommer-Denken basiert, also, eine ursprünglich keltische Kultur, die mit den harten Lebensbedingungen des Winters in Europa zurechtkommen mußte und welche unser gesamtes Produktionssystem prägt. Für die Tropen ist sowas nur bedingt tauglich. ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Photo: noch Schüler. Hier in Mushenyi - das Schuldach war gerade ein paar Wochen vorher bei einem Sturm fortgeflogen...
Zweitens lernen sie Fachdenken. Eine super Möglichkeit spezielle Probleme zu lösen. Industrie und Handwerk gründen auf Fachdenken. In den Tropen ist das zwar auch nützlich, aber nur, wenn auch ganzheitlich gedacht wird, so wie die Völker dort ganzheitlich denken. Deshalb passt das oft noch nicht zusammen. --------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Automechaniker in Bukavu neben seinem "Stromspender" für das Schweißgerät...
Drittens ein Wort zur Sprache. Kultursprachen in Afrika sind Französisch, Englisch, allenfalls noch Portugiesisch. Wer wissen will, wie das im europäischen Mittelalter zuging, als die Elite noch Lateinisch sprach, bekommt in Afrika eine Vorstellung davon. Und wer zwischen den Kulturen vermitteln kann, kommt auch wunderbar zurecht. Aber steht das – Vermittlung zwischen Kulturen - auf unseren Lehrplänen? Wir haben mal Lehrerfortbildungen in Sachsen durchgeführt zum Thema „Das Afrikabild in deutschen Schulen“ (Untersuchungen dazu bringen verheerende Ergebnissse zutage) und ich muß zugeben, das Gespräch mit den Lehrern in Dresden ging nur sehr harzig voran. Und dann brachte einer unserer Referenten das Beispiel: Nun, die Europäer kommen oft als Besserwessies nach Afrika. Dies ist unser Problem. Wir Afrikaner suchen aber Partnerschaften auf gleicher Augenhöhe. Das verstanden die Lehrerinnen in Dresden. Der Rest der Tagung lief hervorragend.
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Mein persönliches Schlüsselerlebnis zum Thema Demokratie hatte ich im letzten Jahr im Kongo, wo wir auf dem Land eine Genossenschaft gründeten mit über 200 Bauern. Sie sollten für jedes Dorf einen Sekretär und seinen Stellvertreter wählen. Acht Gruppen wählten in einer wunderbaren Ordnung. In einer halben Stunde war das Traktandum erledigt. Und nicht nur das. Wenn ein Mann zum Sekretär gewählt worden war wurde unbedingt eine Frau sein Stellvertreter – oder umgekehrt. Pax Christi hat einmal mit Friedrich-Ebert-Stiftung eine Tagung zum Thema „Versöhnung in Afrika und Europa“ durchgeführt und wir dachten, unsere Beispiele (mit Polen, Frankreich) als Vorbild hinstellen zu können. Doch Afrikaner trugen viel mehr und sehr beeindruckende Versöhnungsbeispiele bei, die auf ihrem Kontinent auch schon geschehen. Und noch etwas. Bei all den Kriegen im Ostkongo in den letzten 15 Jahren ist die Provinzhauptstadt Bukavu mit einer Ausnahme von drei Wochen von Kriegshandlungen verschont geblieben. Das war kein Zufall, sondern harte Arbeit der Zivilgesellschaft. Sie hatten Kontakte mit allen Milizen, mit allen Kriegsgruppen und regelten durch zähe Verhandlungen, daß die Millionenstadt weitgehend in Ruhe gelassen wurde. Ein von mir geschätzter Missionar hat sein Buch über Ruanda mit dem Satz abgeschlossen: „Ich ging nach Afrika, um zu lehren, belehrt kam ich zurück!“
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