Grußwort
pax christi
Orte des Gedenkens...
News&Infos
Erinnern für die Gegenwart
Friedensdienste
Nahost
Friedensbildung
Nord / Süd
Globalisierung
Friedenspolitik
60 Jahre pax christi
Zeitschrift
Bestellen
Intern
Angriffskrieg als bleibende Mahnung
Erklärung des Präsidiums der dt. Sektion pax christi zum 70. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion am 22.Juni 1941
Am 22. Juni 1941 begann der militärische Überfall des nationalsozialistischen deutschen Reiches auf die damalige Sowjetunion. Mit diesem „Unternehmen Barbarossa“ genannten Angriff trat der Zweite Weltkrieg in Europa in eine neue Phase der Eskalation, die zu Recht als Vernichtungskrieg bezeichnet wird.
Sein Ziel war die militärisch und wissenschaftlich geplante und
vorbereitete Eroberung eines „Lebensraums im Osten“ für das
nationalsozialistische Deutschland.
In einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß wurden gegenüber den
Soldaten des Gegners kriegsvölkerrechtliche Regeln überschritten und
militärische Mittel auch gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt. Die
Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener war bewusst mit Abstand
schlechter als die von westlichen alliierten Truppenangehörigen, die
Politik der „verbrannten Erde“ zerstörte in großem Umfang die
Lebensgrundlage der Bevölkerung und fordert in der ehem. Sowjetunion
die mit Abstand höchste Zahl an Opfern unter der Zivilbevölkerung aller
am II. Weltkrieg beteiligten Staaten.
Der militärische Angriff setzte aber auch den Rahmen für die erste
Stufe der Vernichtung der europäischen Juden. Mit Duldung, in
Zusammenwirken oder mit direkter Beteiligung ermöglichte die deutsche
Wehrmacht diesen Massenmord der sog. Einsatzgruppen und anderer
Sondereinheiten, etwa die Hälfte aller im Holocaust getöteten jüdischen
Bewohner Osteuropas kamen hierbei um.
Über 10 Millionen Menschen wurden zur Zwangsarbeit in den besetzten
Gebieten eingesetzt oder in das Deutsche Reich verschleppt. Ihre
Geschichte wurde am längsten verdrängt, galt doch ihr Schicksal als am
wenigsten bedeutsam und nicht besonders tauglich, um heroische
Narrative in den jeweiligen Gesellschaften zu begründen. Für etliche
der zur Zwangsarbeit eingesetzten sowjetischen Kriegsgefangenen und
italienischen Militärinternierten ist auch noch keine Entschädigung
erfolgt.
70 Jahre nach den Ereignissen werden die persönlichen Erinnerungen
in Deutschland wie in beteiligten Ländern heute vor allem Russland,
Weißrussland und die Ukraine Geschichte, sind Bestandteil eines
kollektiven Gedächtnisses und unterschiedlicher Erinnerungskulturen.
Mit der Einheit Deutschlands, dessen Teilung durch den Krieg verursacht
wurde, ist die „Nachkriegszeit“ abgeschlossen und die Möglichkeit
eröffnet, die Geschichte gemeinsam anzuschauen.
Dies kann geschehen, indem die Gräber der sowjetischen Kriegsgefangenen
und Zwangsarbeiter bewusst besucht und in der Öffentlichkeit deutlicher
wahrgenommen werden. Denn auch nach einer in den letzten Jahren
abgeschlossenen gewissen materiellen Entschädigung bleibt es eine
dauerhafte Aufgabe, diese Toten des Krieges nicht in Anonymität oder
Vergessen ein zweites Mal zu verlieren. Die Erhaltung des Andenkens an
sie in Deutschland bedeutet den Menschen in ihren jeweiligen
Herkunftsländern in Osteuropa viel.
Zum Wissen um die Kriegsereignisse und Militärgeschichte gehört auch
die Anerkennung der Deserteure und Kriegsgegner - etwa 30 000
Kriegsdienstverweigerer, Deserteure und wegen Kriegsverrat Verurteilte
wurden hingerichtet - und der wenigen Kriegsdienstverweigerer aus dem
Bereich der katholischen Kirche. Namentlich sind bisher nur einige
bekannt, zu nennen sind hier Max-Josef Metzger, Franz Jägerstätter,
Michael Lerpscher, Josef Ruf, Richard Reitsamer, Ernst Volkmann und
Franz Reinisch. In einer katholischen Kirche, die zwischen Anpassung
und Widerstand schwankend, letztlich Teil einer mobilisierten
Kriegsgesellschaft war, hatten sie keinen Rückhalt, ihre juristische
Rehabilitierung kam spät.
An der Kriegsführungsfähigkeit des NS-Staates waren die Kirchen nicht
unbeteiligt. Durch Aufrechterhaltung eines moraltheologisch mit Eid und
Gehorsam begründeten Verständnisses soldatischer Pflichterfüllung und
eines Verständnisses von Krieg als quasi-natürlichem Recht des Staates
wurde - auch bei Ablehnung des Nationalsozialismus als Ideologie ihr
Beitrag zu einer durchgreifend mobilisierten Kriegsgesellschaft
geleistet. Umso bedeutsamer wäre auch heute noch eine Erklärung
deutscher Bischöfe an wenn auch nur wenige noch lebende ehemalige
Soldaten, sich in der Beurteilung des Krieges entscheidend geirrt zu
haben.
Die historische Erfahrung der Eskalation des Krieges ist aber auch
Mahnung und Korrektiv im Hinblick auf die Veränderung der Bundeswehr zu
einer „Armee im Einsatz“. Gerade wenn bei der Neukonzipierung von
verteidigungspolitischen Richtlinien und ähnlicher Militärdoktrinen
wirtschaftliche Belange und Interessen Deutschlands wieder in den
Vordergrund rücken, kommt es entscheidend darauf an, militärische
Mittel strikt an internationales Recht zu binden und Kriege sowohl
durch zivile Krisenprävention wie auch durch Eindämmung von
Rüstungsproduktion und -export zu verhindern.