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60 Jahre pax christi
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Für eine Zukunft ohne NATO
Erklärung der deutschen Sektion von pax christi zum 60-jährigen Bestehen der NATO
Vor 60 Jahren wurde die NATO als transatlantisches westliches Verteidigungsbündnis gegründet.
Aus der Sicht der internationalen katholischen Friedensbewegung pax christi ist dies kein
Anlass zum Feiern. Das Präsidium der deutschen Sektion, die 1948 aus dem Gedanken der
Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist, erklärt dazu:
Die NATO wurde und wird ihren erklärten Zielen nicht gerecht
Im Artikel 1 des Nordatlantikpaktes
verpflichten die NATO-Mitgliedsstaaten sich, jeden internationalen Streitfall, an dem sie
beteiligt sind, so zu regeln, dass der internationale Friede, die Sicherheit und die Gerechtigkeit
nicht gefährdet werden.
Doch der Weg der friedlichen Konfliktregelung wurde schon durch den grundlegenden „Konstruktionsfehler“
der NATO unterlaufen: Dem Bündnis wurden Gewaltandrohung und Gewaltanwendung
in dem Maße erlaubt, wie diese mit den Zielen der Vereinten Nationen zu vereinbaren
seien. Somit wurde die militärische Gewalt in Konflikten für die NATO konstitutiv. Doch Sicherheit
und Gerechtigkeit die Hauptziele der Vereinten Nationen werden so eher gefährdet als
gewährleistet oder gestärkt.
Zur Zeit des Kalten Krieges: Stabilisierung des Schreckens
In der Zeit des Kalten Krieges führte die Strategie der Nato zu einem „Gleichgewicht des
Schreckens“, das nicht einmal den Einsatz von Atomwaffen ausschloss. Auf der Basis der
päpstlichen Enzyklika „Pacem in terris“ bekräftigt pax christi: Die Drohung mit Massenvernichtungswaffen
war zu keinem Zeitpunkt friedensethisch legitim und muss heute endgültig überwunden
werden. Kein Staatenbündnis hat das Recht, seinen Gegnern die Vernichtung der
Lebensgrundlagen anzudrohen. Das „Gleichgewicht des Schreckens“ hat in Europa zwar
keinen Krieg ausgelöst, war aber stets fragil. In Asien, Lateinamerika und Afrika hat es zu
zahlreichen Stellvertreterkriegen geführt mit verheerenden Folgen. Ebenso schrecklich waren
die Folgen des Rüstungswettlaufs: Mit der Strategie der Abschreckung während der Zeit des
Kalten Krieges haben die NATO-Staaten eine immense Aufrüstung betrieben und die
Militärbudgets ihrer Mitgliedsstaaten immer mehr gesteigert. Gleichzeitig wuchs die Armut in
den Ländern der so genannten Dritten Welt, da die Rüstungsausgaben die Ressourcen für
Entwicklung, soziale Zwecke und Bildung verschwendeten.
Nach der Wende: Expansionspolitik der NATO
Existenz und Ausgestaltung der NATO waren während der Ost-West-Konfrontation mit der
„Bedrohung aus dem Osten“ begründet worden. Als die Warschauer-Pakt-Staaten im Frühjahr
1991 die Auflösung ihres Bündnisses vollzogen, hätte dies ein Ende auch der nordatlantischen
Militärallianz bedeuten können, denn dem Verteidigungsbündnis stand kein Gegner mehr
gegenüber. Das Ende der Ost-West-Konfrontation hätte im Sinne einer Friedensdividende für
die Entwicklung von Frieden und Gerechtigkeit genutzt werden können. Stattdessen hat die
NATO maßgeblich dazu beigetragen, die alten Instrumente militärischer Gewalt in neuer Form
und mit neuen Rechtfertigungsmustern zum Einsatz zu bringen. Die NATO hat außerdem eine
Expansionspolitik nach Osteuropa betrieben und damit das Versprechen an Gorbatschow im
Zusammenhang mit der Einigung Deutschlands gebrochen, auf eine solche Expansion zu verzichten.
Diese Expansion, verbunden mit der geplanten Aufstellung eines so genannten
Raketenschildes, erschwert heute den Aufbau einer Sicherheitsarchitektur, die alle Staaten
Europas einbezieht.
Balkankriege und „Krieg gegen den Terror“
Verhaftet in der militärischen Logik
Die NATO nahm sowohl die Problematik der zerfallenden Staaten auf dem Balkan als auch die
Terrorangriffe islamistischer Akteure zum Anlass, eine neue Begründung ihrer Existenz und in
der Folge eine neue Strategie zu entwickeln. Seit 1990 verbindet sie die Neuformulierung ihrer
Aufgaben mit einer neuen Begrifflichkeit: Nun sollte es nicht mehr um die Abwehr militärischer
Bedrohungen gehen, sondern um „humanitäre Interventionen“. Damit hat die NATO maßgeblich
zur Militarisierung des sicherheits- und außenpolitischen Denkens und Handelns auch in
Deutschland beigetragen. „Pflicht“ und Bereitschaft zur „Übernahme von Verantwortung“ für so
hohe Güter wie Menschenrechte, Schutz von Minderheiten, Demokratie und Gleichberechtigung
von Frauen wurden als Ziele militärischer Interventionen propagiert. Dies führte zu einer politisch-
moralischen Aufwertung der militärischen Gewalt als akzeptables Mittel zur Wahrung
höchster Werte und zur Durchsetzung edler Ziele. Zugleich wurde die eigene (potenzielle) militärische
Gewaltanwendung im öffentlichen Diskurs bagatellisiert und beschönigendverschleiernd
dargestellt.
Der Angriffskrieg der NATO gegen Serbien im Frühjahr 1999 gilt aus der Sicht von pax christi in
mehrfacher Hinsicht als erste Umsetzung dieses strategischen Konzepts.
Fragen nach völkerrechtlicher Legalität und ethischer Legitimität der Interventionen wurden
zwar erörtert, aber die politisch-praktischen Antworten blieben der militärischen Logik und Konfliktstrategie
verhaftet. Visionen, Alternativen und Erfahrungen der zivilen Konfliktbearbeitung
und gewaltfreien Konflikttransformation fanden zu wenig Berücksichtigung und keine adäquate
Ausstattung mit Ressourcen.
Im Sinne des Bischofswortes „Gerechter Friede“ warnt pax christi vor der weiteren Aushöhlung
des Gewaltverbots, wie es in der Charta der UNO verankert ist, und betont die Verantwortung
der Vereinten Nationen für den Weltfrieden. Jede Ausweitung des militärischen Zuständigkeitsbereiches
der NATO steht dem entgegen.
Nach den Terrorakten islamistischer Täter am 11. September 2001 wurde ein „Bündnisfall“
konstatiert, der höchst fragwürdig ist, und der „Krieg gegen den Terror“ erklärt. Zwar erfolgte der
ISAF-Einsatz der NATO in Afghanistan im Auftrag der UNO zum Peacekeeping, aber de facto
verfolgt die NATO ein Gemenge an unterschiedlichen Zielen in einem geostrategisch wichtigen
Einflussgebiet. An vielen Orten hat sich die Sicherheitslage für die Zivilbevölkerung eher verschlechtert
als verbessert und das Militär wird als Besatzung erlebt. Die Bedrohung durch terroristische
Gewalt wurde nicht überwunden, sondern teilweise noch verstärkt. Frieden lässt sich
nicht erzwingen! Für pax christi ist dieser meistens nicht einmal so genannte Krieg ein Beispiel
für die Problematik einer militärischen Intervention ohne Exit-Strategie.
Sicherheit muss inklusiv sein
Zu einer umfassenden menschlichen Sicherheit für alle Völker und Regionen leistet die NATO
des 21. Jahrhunderts nicht den erforderlichen Beitrag, denn sie sichert Privilegien anstatt Frieden
und Gerechtigkeit für alle zu befördern. Die „neue NATO“ formuliert den Anspruch Einsatzoptionen
unabhängig vom Mandat des UN-Sicherheitsrates zu treffen und so die eigene Rolle
weit über die eines Militärbündnisses hinaus aufzuwerten. Die Tendenz, sich als Regisseur
einer neuen von den USA dominierten Weltordnung zu verstehen, widerspricht einer am
Völkerrecht orientierten internationalen Politik und riskiert darüber hinaus eine neue Ost-West-
Konfrontation.
Die NATO behält sich mit ihrer neuen Strategie vor, auch wirtschaftliche Interessen der Mitgliedsstaaten
mit militärischen Mitteln zu verfolgen, etwa den ungehinderten Zugang zu den
Rohstoff- und Energievorräten der Welt sowie die Sicherung von Handelswegen, Märkten und
Wohlstand. Damit propagiert und realisiert die NATO die militärische Absicherung und Durchsetzung
westlicher Wirtschafts- und Hegemonialinteressen auf Kosten der Länder des Südens.
Die aktuelle NATO-Strategie nimmt das Töten für den Wohlstand der NATO-Staaten billigend in
Kauf. Die missbräuchliche Verwendung des von der Friedensbewegung eingebrachten erweiterten
Sicherheitsbegriffs, um eine solche Ausweitung des militärischen Auftrags zu legitimieren,
lehnt pax christi entschieden ab.
Die Alternative: eine gerechte Weltfriedensordnung
Heute haben die NATO-Staaten rund 75 % der weltweiten Rüstungsexporte zu verantworten
und profitieren in diesem Sinne von jedem Konflikt weltweit. Finanzmittel für die Armutsbekämpfung
und für zivile Konfliktlösungen fehlen überall. Der Jahrestag der NATO-Gründung
sollte aus der Sicht von pax christi nicht als Jubiläum begangen, sondern muss als Anlass
genommen werden, eine Kehrtwende einzuleiten: weg von der Strategie der Abschreckung und
der militärischen Stärke, hin zu einer Strategie der Abrüstung, der gerechten und nachhaltigen
Ressourcennutzung, der Stärkung der OSZE und internationaler Rechtsordnungen. Eine solche
Kehrtwende würde auch eine künftige gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der EU von
der Bindung an die NATO-Strategie entlasten, wie sie im Lissaboner EU-Vertrag von 2007
vorgesehen ist.
Angesichts der katastrophalen Entwicklungen in Afghanistan, im Irak und im Nahen Osten und
der bedrohlichen Szenarien gegenüber dem Iran ist die zentrale Zeitansage zur Erreichung
friedlicher Koexistenz: Dialog statt „Krieg gegen den Terror“, Stärkung des internationalen
Rechts und der internationalen Organisationen. Nur wenn die strukturelle Gewalt der gegenwärtigen
Wirtschaftsbeziehungen überwunden wird, wenn allen der Zugang zu Ressourcen und
Entwicklungsperspektiven eröffnet werden, dann können Frieden und Sicherheit für alle
Menschen entstehen. Deshalb tritt pax christi für eine Stärkung und Reform der UNO ein und
fordert einen massiven Ausbau des Zivilen Friedensdienstes.
pax christi erinnert an die Mahnung der deutschen Bischöfe in „Gerechter Friede“, der gewaltpräventiven
Konfliktbearbeitung den Vorrang zu geben und diesen konsequent auf politischer,
rechtlicher und institutioneller Ebene zu verwirklichen.
Neue Instrumente der Friedenssicherung entwickeln
Ein Bündnis, das erklärtermaßen die Interessen seiner Mitgliedsstaaten letztlich mit militärischen
Mitteln durchsetzen soll und dazu selbst den Ersteinsatz von Massenvernichtungswaffen
nicht ausschließt, ist friedenspolitisch kontraproduktiv. Die politisch Verantwortlichen sind deshalb
verpflichtet, die vorhandenen Instrumente zu nutzen und neue zu entwickeln, um Krisen
und Konflikten wirksam vorzubeugen und sie durch Verhandlungen und Interessensausgleich
zu schlichten.
pax christi fordert den Aufbau von kooperativen Vertragssystemen von der Art der OSZE unter
dem Dach einer reformierten UNO und mit strikter Bindung an deren allgemein anerkannte
Rechtsordnung. Die internationale Gewaltkontrolle muss zukünftig ausschließlich bei den Vereinten
Nationen liegen. Mittelfristig ist eine totale atomare Abrüstung nötig und möglich. Kurzfristig
sind die schrittweise Senkung der Rüstungsausgaben, eine glaubhafte Kontrolle des
Rüstungshandels, ernsthafte Abrüstungsverhandlungen und der Rückzug aus den Auslandseinsätzen
der NATO Gebote der Stunde.
Eine Zukunft ohne NATO kann heute beginnen.