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Sagen und tun, was der Deeskalation und dem gesellschaftlichen Frieden dient
Anmerkungen zum Streit um die Mohammed-Karikaturen, zu dem drohenden Irankrieg und den Aufgaben von pax christi
Gliederung
1. Vorbemerkung
2. Der Graben der Verständigung und die Aufgabe des Brückenbaus
3. Das Nichtverstehen der Unterschiede
4. Den Grat wandern zwischen Wertebewusstsein und Überheblichkeit
5. Karikaturenstreit und Kriegsgefahr
6. Schlussfolgerungen
1. Vorbemerkung
Was hat der drohende Irankrieg mit dem Karikaturenstreit zu tun?
Die Konflikte, die gegenwärtig im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen, sind grundsätzlich verschieden voneinander, stehen aber in Wechselwirkung zueinander - eben-so mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt. Die politischen Konflikte im Nahen und Mitt-leren Osten und zwischen diesen Staaten und der westlichen Welt werden religiös aufgela-den. Für machtpolitische Ziele werden religiöse Gefühle ausgenutzt, von Gruppen, die an einer Eskalation der Konflikte interessiert sind.
Wer eine Deeskalation anstrebt, muss ebenfalls die Wechselwirkung der Konflikte betrach-ten, aber auch ihre unterschiedlichen Hintergründe, um zu erkennen, wo die Chancen zur Versachlichung und Verständigung, zum Brückenbau und zu friedlichen Lösungen liegen.
2. Der Graben der Verständigung und die Aufgabe des Brückenbaus
Der Streit um die Mohammed-Karikaturen offenbart einen tiefen Graben zwischen den Län-dern des Abendlandes und den Ländern des Mittleren Ostens. Hier die Freiheit der Rede, der Meinungen und der Religion; dort die Verwobenheit von Staat und Religion, die starke Verwurzelung der Menschen in ihrem Glauben und die staatlich gelenkte öffentliche Mei-nung. Wo ist angesichts dieser Gegensätze die gemeinsame Basis der Konfliktlösung, mehr noch, wo ist die gemeinsame Verstehensbasis? Diese Voraussetzung zum respektvollen Ne-beneinander unterschiedlicher Gesellschaften und Kulturen scheint in dem Maße zu schwin-den, wie die Empörung über die Verletzung religiöser Gefühle in Hass auf die westlichen Ge-sellschaften umschlägt, in Gewalt gegen Einrichtungen westlicher Staaten mündet und Todesopfer fordert.
Zu Recht wird von pax christi als katholischer Friedensbewegung ein Beitrag erwartet, den entstandenen Konflikt um die Mohammed-Karikaturen zu versachlichen und Wege der Ver-ständigung zwischen den Kulturen zu eröffnen. Vorrangig wenden wir uns dabei an die Men-schen und Institutionen unserer deutschen Gesellschaft. Wir wollen hier Einfluss nehmen und tun dies zunächst mit einer öffentlichen Positionierung. Deren Wirkung hängt wesentlich davon ab, wie es gelingt, die Empfindungen und Ängste der Menschen ernst zu nehmen und Bereitschaft zu einem politischen Dialog zu wecken. Im gegenwärtigen Karikaturenstreit reicht es daher nicht aus, auf die Verfehlungen des Westens gegenüber den Ländern des Mittleren Ostens zu verweisen. Diese sind unbestritten eine Tatsache und belasten die Be-ziehungen gravierend. Andererseits: Eine derartige Argumentation steht in der Gefahr, die Machthaber in Staaten des Mittleren Ostens in eine Opferrolle zu stellen und den Westen für die derzeitige Konfrontation ursächlich verantwortlich zu machen. Zugleich bedingt ein ein-seitiger Verweis auf westliche Fehler eine unsägliche wechselseitige Aufrechnung von Ver-fehlungen: Abu Ghraib gegen Steinigungen im Iran; religiöser Individualismus gegen Kirchenverfolgung; Irakkrieg gegen diktatorische Regime.
Deshalb muss jede Positionierung in diesem Konflikt solche Aufrechnungen von vornherein vermeiden. Das bedeutet konkret: Es geht weder um westliche Selbstverleugnung noch um die Herausbildung eines Feindbildes Islam. Gerade in den westlichen Gesellschaften braucht es Stärke und Selbstbewusstsein im Blick auf die Werte, die unsere Gesellschaft im Laufe ihrer Geschichte herausgebildet hat. Das Gut der Freiheit, das Prinzip der Gewaltenteilung und die Gleichheit von Mann und Frau bilden dieses starke Fundament, von dem her die Auseinandersetzung über die Verletzung religiöser Gefühle einerseits und deren Funktionali-sierung durch staatliche und religiöse Autoritäten andererseits geführt werden kann und muss.
Von dieser Basis aus darf daran erinnert werden, dass in den kritisierten Mohammed- Kari-katuren die Gewalt islamistischer Terrorgruppen im Zentrum der satirischen Kritik steht, eine Gewalt, die sich abartig auf die Autorität des Propheten bezieht und damit göttliche Legitima-tion beanspruchen will. Es ist selbstverständlich, dass der Gewalt auch mit den Mitteln der Karikatur widersprochen werden darf. Und gleichzeitig kann die Rede vom "Kampf der Kultu-ren" zurückgewiesen werden. Denn diese Begrifflichkeit führt im Kern zu einer gefährlichen Polarisierung zwischen "guten" und "schlechten" Gesellschaften, die über die Ursachen der tatsächlichen Konfliktlagen hinweg sieht.
Diese Konfliktlagen aber gilt es zunächst mit all ihren Wechselwirkungen zu benennen, wenn Brücken der Verständigung gebaut werden sollen: Die verletzten religiösen Gefühle vieler Muslime, die Grenzen der Pressefreiheit, die Zuwanderung der Muslime in westliche Gesell-schaften und der Umgang mit ihnen, die Pläne des Iran, Atomwaffen herzustellen, die Be-streitung des Existenzrechts Israels und die Leugnung des Holocaust durch den iranischen Präsidenten, die Funktionalisierung verletzter religiöser Gefühle für die Stabilisierung autoritärer Herrschaftsstrukturen.
Wir müssen uns in kleinen Schritten diesen Problemlagen nähern, auch wenn das Risiko groß ist, dass bei der zugespitzten Entwicklung in dem einen oder anderen Bereich eine un-heilvolle Vermischung droht. Dies gilt insbesondere für die Gefahr eines möglichen Krieges gegen den Iran. Deshalb soll ein schärferer Blick auf den Karikaturenstreit und die Kriegsge-fahr im Iran gerichtet werden.
Dieser Blick ist geprägt durch eine dreifache Perspektive:
1. Ein analytischer Blick auf die Differenzen zwischen christlich-abendländischen und islamischen Gesellschaften;
2. Die Option für religiöse Toleranz, empathische Sensibilität und selbstbewusstes Vertreten der eigenen religiösen und menschenrechtlichen Überzeugungen;
3. Die Abwehr von Instrumentalisierungen verletzter religiöser Gefühle und Ängste durch politische Kräfte, die an Konfrontation interessiert sind.
3. Das Nichtverstehen der Unterschiede
Drei Thesen:
1. Drei Konflikte sind auseinander zu halten:
- Das Kriegsszenario Iran
- Der Streit um die Mohammed-Karikaturen
- Der Nahost-Konflikt Israel - Palästina
2. Diese drei Konflikte haben untereinander eine Wechselwirkung, diese kann zur Eskalation und zur Deeskalation genutzt werden. Bemühungen um Frieden sollten davon ausgehen.
3. Die betreffenden Konflikte finden in der jeweiligen Region statt, aber sie haben jeweils eine politische Auswirkung auf Europa und die USA, d.h. die "Innenwelt" dieser Konflikte spiegelt sich in der jeweiligen "Außenwelt" des sog. Westens.
Begründungen bzw. Erläuterungen im Einzelnen
Der Iran hat sich seit den 70-er Jahren um den Aufbau einer eigenen atomaren Ressource bemüht. Eine solche ist grundsätzlich zivil wie militärisch nutzbar. Auch der Besitz von Atom-waffen außerhalb der klassischen Atommächte ist nicht neu. Die Regelungen des Atomwaf-fensperrvertrages haben dies nicht verhindert, gleichwohl aber zu einem Umgang mit dem Status quo geführt. Was also ist so brisant an der gegenwärtigen Entwicklung?
Die Zuspitzung liegt vielmehr darin, dass der Iran konkret die Beseitigung des Staates Israel fordert bzw. wünscht und damit eine mögliche Richtung für die militärische Nutzung seiner atomaren Kompetenzen angedeutet wird. Wenn auch diese Forderung als innenpolitisch be-dingte Rhetorik der gegenwärtigen iranischen Regierung erklärt wird, so ist aber die häufige Wiederholung dieser Drohung in Verbindung mit dem Aufbau atomarer Fähigkeiten als ernst-hafte Bedrohung zu werten, wenngleich der Iran bis jetzt keine konkrete Angriffsdrohung ausgesprochen hat. Der Antisemitismus als politisches Projekt (aktuell durch eine ge-schichtsrevisionistische "Holocaustkonferenz") war in der arabischen bzw. iranischen Welt immer präsent und könnte als Potenzial gegen die Existenz Israels jederzeit aktiviert werden.
Der Aufbau von Kompetenzen zur Nutzung der Atomenergie für den Iran liegt nicht zwingend in den Bedarfen der eigenen Energieversorgung, sondern in Autonomie- und Prestigefragen, Führungsansprüchen im "Mittleren Osten" bzw. der islamischen Welt (wobei dem Iran im Unterschied zu Saudi Arabien im Islam nicht unbedingt eine Führungsrolle zukommt!) und dem Aufbau eines Abschreckungspotenzials. Eine wesentliche Ursache dieser Entwicklung liegt in der "halben Modernisierung" vieler Länder des "Middle East", d.h. sie haben versucht, in den letzten etwa 40 Jahren Anschluss an die sog. westliche Welt zu gewinnen. Diese nahm aber ihre Demokratisierungsbemühungen kaum wahr oder ernst und bevorzugte stattdessen im-mer wieder autoritäre Systeme (so die Absetzung der Regierung Mossadegh und Installie-rung der Monarchie im Iran) bzw. setzte ihre Ost-West-Stellvertreter-Konflikte dort fort (Syrien, Ägypten usw.).
Ökonomisch konnten diese islamisch geprägten Länder Partner der westlichen Industriena-tionen sein, politisch, kulturell und gesellschaftlich blieben sie traditionale Gesellschaften mit wachsenden inneren Konflikten und Wohlstandsunterschieden, enttäuscht von den Ver-sprechen des Westens. Ihre Legitimationskrise wurde in einigen arabischen Staaten durch Rückbezug auf eine radikalere Interpretation des Islam zu lösen versucht (z.B. Algerien, Ägypten). Bei der sog. islamischen Revolution im Iran mit einem aus dem Exil heimkehren-den Ayatollah Khomeini erwies sich dies dann als wirksam.
Der Westen war von dieser unerwarteten Wirkung einer Religion eher überrascht bis irritiert: Aus seinem Selbstverständnis als moderner, säkularer und postreligiöser Welt war bzw. ist der Rückgriff auf Religion zur Gestaltung politischer Verhältnisse weder notwendig noch sinnvoll. Es entsteht daher der Eindruck einer riesigen kulturellen Differenz, die einen sog. "Kampf" der Kulturen möglich erscheinen lässt. (Allerdings bedeutet "clash" eben nicht "Kampf", sondern "Zusammenprall" o.ä., der Ausdruck "Kulturkampf" ist eher aus der deutschen Geschichte bekannt ...) Aus einer konsequent islamischen Betrachtung heraus ist die westliche Gesellschaft eine Gesellschaft des Unglaubens oder Irrtums, dekadent und indi-vidualistisch.
Dieses Nichtverstehen der Unterschiede dauert bis heute an, ebenso wachsen die sozialen und wirtschaftlichen Abstände. Die Golfkriege, der Anschlag des 11.9. und der Irakkrieg - nicht zuletzt mit seinen Begleiterscheinungen und Skandalen (Foltergefängnisse usw.) - ha-ben diese Differenz noch deutlicher gemacht und die Kulturalisierung und religiöse Aufla-dung der Konflikte verstärkt. Nur wenn einer solchen Aufladung entgegengewirkt wird, ist eine Lösung denkbar. Durch den Streit um die Karikaturen ist aber z.Zt. kaum eine Basis dafür gegeben.
Der Streit um die Karikaturen enthält einen Kern: Den Konflikt um die Darstellung des Pro-pheten Mohammed als "Terroristen" und eine Eskalation durch andere gefälschte Karikatu-ren, deren provozierende Nachdrucke und schließlich einen iranischen "Wettbewerb" um Ka-rikaturen des Holocaust. War die ursprüngliche Abbildung kaum wahrgenommen worden und schon alt (September 05), eskalierte der Streit nun gezielt nach den Wahlen in Palästina und wird - jenseits der Abgrenzung zwischen Karikatur und Beleidigung - zu einer Grundsatzfra-ge um westliche Werte bzw. Grundrechte. Es ist kaum zu erwarten, dass in westlichen De-mokratien jetzt ernsthaft auf Presse- und Meinungsfreiheit verzichtet wird. Entscheidend ist auch nicht, wer oder was dort dargestellt wird, sondern dass diese Abbildungen als Ausdruck von Demütigung und Verachtung aufgefasst werden. Auch eine Religionskritik ist dem Islam zumutbar und nicht grundsätzlich fremd, auch schließen sich Islam und Demokratie nicht notwendigerweise aus. Aber in eher autoritären politischen Systemen ist Kritik an der Reli-gion eben Angriff auf das, was sie noch zusammenhält. Umso heftiger fallen dann die kam-pagnenartigen Aggressionen aus.
Auf der Strecke geblieben sind bei den Auseinandersetzungen der letzten Wochen alle ernsthaften Verbesserungen in den Beziehungen zwischen Palästina und Israel. Stattdessen gilt die öffentliche Aufmerksamkeit eigentlich eher äußerlichen Vorgängen, so rabiat sie auch konkret ablaufen. Eine religiös-kulturelle Aufschaukelung wird die radikaleren Kräfte in Israel und Palästina eher ermutigen und ihre "Konversion" erschweren, auch die Situation der Christen im Nahen Osten verschlechtert sich dramatisch.
Zwischen der innenpolitischen Debatte um Einbürgerung (Fragebogen) und Integration, zwi-schen Wertekonflikten, kulturellen Differenzen und den nicht akzeptablen Gewaltakten ge-genüber diplomatischen Vertretungen westlicher Staaten in arabischen Ländern ist zu unter-scheiden. Hier wäre ehrlicher zu diskutieren; eine einfache Logik, nach der die Minderheit immer Opfer ist, greift nicht und falsche Rücksicht aus political correctness ist ebenso wenig angebracht.
4. Den Grat wandern zwischen Wertebewusstsein und Überheblichkeit
Karikaturen sind mehrdeutig. Die Darstellung des Propheten Mohammed mit einer Bombe als Turban könnte ausdrücken: "Die Religion wird von Islamisten missbraucht um Gewalt zu rechtfertigen." Oder: "Der Islam ist von seinem Wesen her eine gewalttätige Religion." Während das Erste den Angehörigen des Islam zu Recht einen kritischen Spiegel vorhält, birgt das Zweite eine gefährliche Pauschalisierung, die abwertet und aufstachelt.
Es kann gut sein, dass genau diese Abwertung in eine Kampagne passte, an der sich die dä-nische Zeitung und später andere beteiligen wollten. Sicher ist jedenfalls, dass die letztere Deutung massiv missbraucht wurde zur Aufstachelung von Menschen, die z.T. die Karikatu-ren überhaupt nicht kennen oder nur die zweite Deutung propagandistisch eingehämmert be-kamen. Das Regime im Iran nutzt die Konfrontation derzeit für seine Zwecke im Atom-Streit; eine solche Instrumentalisierung ist auch seitens der Hamas zu befürchten.
Die Ausschreitungen fanatisierter Menschen in einigen islamisch geprägten Staaten schei-nen die zweite Behauptung nun auch noch zu bestätigen. Dies kann in der Bevölkerung westlicher Länder zu emotionalen Reaktionen und zu Schlussfolgerungen führen, die ihrer-seits den "Kampf der Kulturen" fördern, den es doch zu verhüten gilt.
Zu den emotionalen Reaktionen gehören: Angst, Vorurteile, Abwehr. Sie sind in unserem un-mittelbaren Umfeld vernehmbar: "Die (Moslems) gehören ins finsterste Mittelalter. Wir wollen nichts mit ihnen zu tun haben. Islam = Gewalt!" Zu den Schlussfolgerungen könnte all das gehören, was einige gesellschaftliche Gruppen und Parteien längst auf der Agenda haben; es begann mit dem Kopftuch-Verbot sowie der Infragestellung der EU-Beitrittsoption für die Türkei: "Leitkultur"-Forderungen, Restriktionen für islamische Gemeinden (z.B. die Errichtung von Moscheen betreffend oder die Erlaubnis von Muezzin-Rufen), Diskriminierung, General-verdacht und Gesinnungsprüfung für muslimische Einwanderer, Zwangsmaßnahmen wie das Verbot nicht-deutscher Sprachen auf dem Schulhof u.a.m.
Aufgabe einer Friedensbewegung muss es sein, zur Deeskalation und zum gesellschaft-lichen Frieden beizutragen. Das heißt für uns: Sensibel und rücksichtsvoll mit religiösen Ge-fühlen umgehen, Kräfte entlarven, die solche Gefühle für ihre Zwecke instrumentalisieren, Verhaltensweisen radikaler Moslems verstehbar machen ohne sie zu rechtfertigen, Zeichen der Bereitschaft zum Dialog mit den überwiegend gemäßigten Moslems in unserem Land setzen, Beispiele gelungener Integration verbreiten.
In Deutschland haben keine inszenierten Hasskrawalle stattgefunden. Es gab aber Proteste von Moslems gegen die Verletzung religiöser Gefühle durch die Karikaturen. Wie sie ihre Meinung artikuliert und zur Mäßigung aufgerufen haben, verdient eine positive Reaktion.
In einem Land, in dem die Religion sich verflüchtigt hat und ins Private abgedrängt ist, fehlt einem großen Teil der Bevölkerung grundsätzlich die Sensibilität für solche Vorgänge - für Empfindlichkeit, Verletzlichkeit. Die Verunglimpfung christlicher Gestalten und Symbole juckt viele im "christlichen Abendland" überhaupt nicht, ebenso wenig wie z.B. die Vermarktung religiöser Motive oder die Herabwürdigung der Frau zur Ware in der Werbung.
Hier hat eine durch ihren Glauben motivierte Friedensbewegung eine besondere Verantwor-tung und Chance. Sie kann möglicherweise "Dolmetscher-Dienste zwischen den Welten" leisten. Ein Projekt wie die "Christlich-islamische Friedensarbeit" könnte und sollte sich hier bewähren!
Religion verträgt durchaus Witz, Spott und Satire. Diese sind hilfreiche Mittel der emotiona-len Entlastung und der Mahnung. Sowohl im Judentum als auch im Christentum haben sie Tradition. Unterscheiden muss man aber zwischen Karikaturen aus einer Haltung der inne-ren Anteilnahme und der Nähe heraus und Karikaturen als Transportmittel von rassistischen Ideologien und aggressiven Hetzkampagnen. Völlig inakzeptabel sind Verunglimp-fungen von Minderheiten; hier greift die Berufung auf die Pressefreiheit nicht. Und die Ver-höhnung der Opfer des Holocaust muss mit aller Klarheit zurückgewiesen werden.
Als christliche Friedensbewegung müssen wir uns auch nicht vorrangig bei denen einreihen, die das "Recht auf Blasphemie" verteidigen.
Wenn jetzt dazu aufgerufen wird, die Errungenschaften der westlichen Zivilisation, der Auf-klärung, Freiheit und Demokratie zu verteidigen, so ist dies selbstverständlich richtig. Es muss aber in dem Bewusstsein geschehen, dass diese Werte nicht nur von außen, sondern auch von innen gefährdet sind.
Wie "zivilisiert" sind die Machtstrategien der westlichen Wirtschaft und Politik? Wie men-schenwürdig ist der Krieg gegen den Terror? Wie gewaltfrei der Export der westlichen (Kom-merz-) Kultur und ihr Dominanzanspruch weltweit? Wir haben keinen Grund zur Überheblich-keit. Politischer und interkultureller Dialog wird auch durch Glaubwürdigkeit und die Bereit-schaft zur Selbstkritik gefördert.
5. Karikaturenstreit und Kriegsgefahr
Die Rede von der Einheit der Weltgemeinschaft gegen Iran setzt im Kern auf Konfrontation; die Warnung vor "Appeasement-Politik" (auch von Angela Merkel) verhindert in der Praxis den Dialog und die Auslotung der vielen Möglichkeiten zur Deeskalation, Moderation und Mediation. Stattdessen werden alle "Sanktionen" (deren Zweck und Wirkung durchaus und mit Recht umstritten sind) mit der Perspektive der "ultima ratio" eines möglichen militärischen "Schlages" artikuliert - auch wenn dies bestritten wird. Es wird über potenzielle Angriffsziele nachgedacht und ein Bedrohungsszenario entwickelt - mit der Absicht, den Iran klein zu hal-ten. Hier gibt es durchaus Parallelen zum Umgang mit der palästinensischen Hamas nach deren Wahlsieg. Statt dass der Westen bzw. Israel sich auf gemeinsame Verhandlungen über Abrüstungs-, Abzugs- und Statusfragen einlässt, werden Vorbedingungen aus einer vermeintlichen Position der Stärke gestellt.
Durch die anhaltende Konfrontationsrhetorik auf beiden Seiten wird psychologisch das Ter-rain für einen Militärschlag gegen Iran vorbereitet - eine Option, die im längst erklärten stra-tegischen Interesse der USA liegt ("Achse des Bösen", "Schurkenstaat", geo- und ölpoli-tische Interessen). Allerdings würde dadurch ein weiterer asymmetrischer Krieg ausgelöst, der das Risiko weltweit zunehmender Terroranschläge in sich birgt. Die Warnungen, ein Krieg würde den weltweiten Terror anheizen, gelten in der Irankrise ebenso, wie sie vor dem Irakkrieg richtig waren, sogar noch mehr.
Wir sollten politisch folgende konkrete Forderungen in die deutsche Diskussion einbringen:
· Eine Zustimmung der Bundesrepublik Deutschland zu einem Krieg gegen Iran verhindern!
· Eine Mitwirkung Deutschlands im Fall eines Krieges gegen den Iran ablehnen!
· Alle Möglichkeiten einer friedlichen Streitbeilegung unterstützen!
· Eine Friedenskonferenz im Nahen und Mittleren Osten fordern (KSZ-NMO)!
Darüber hinaus muss es in der politischen Auseinandersetzung über die Strategie der west-lichen Staatengemeinschaft auch um eine Überprüfung bzw. eine glaubwürdige Erneuerung ihrer Prinzipien gehen. Der Westen muss erkennen, dass er die Staaten und Nationen der Welt nicht nach seinen Vorstellungen dominieren kann. Von der Basis seiner moralischen Ansprüche und historischen Errungenschaften aus hat eine selbstkritische Überprüfung des Umgangs mit den eigenen Werten und Prinzipien zu erfolgen. Es geht um mehr materielle Bescheidenheit bei bleibend anspruchsvollen moralischen Standards und Prinzipien. Das schließt eine militärische Dominanz gegenüber anderen Staaten aus.
In zwei zentralen Politikfeldern könnten die westlichen Regierungen beispielsweise verdeut-lichen, was die Konsequenzen einer derart reflektierten Politik bedeuten würden: Es wäre der Weg frei für Initiativen z.B. im Bereich der Atomwaffen und des Klimaschutzes, d.h. für Verhandlungsangebote zur atomaren Abrüstung und zum Abbau umweltschädlicher Emissionen.
Die Umsetzung dieser Grundorientierung in praktische Politik bietet eine große Chance zur Konfliktminderung angesichts drohender Kriegsgefahr. Vor dem Hintergrund des Karikatu-renstreits hält eine derartige Politik Brücken der Verständigung und des Dialogs bereit.
6. Schlussfolgerungen
Friedensbemühungen müssen von der Chance zur Deeskalation ausgehen.
Wenn wir an gesellschaftliche Gruppen und Institutionen in Deutschland denken: Wer kann hier jetzt was tun? Was ist die Aufgabe von pax christi?
Einige Ansätze:
In den Städten und Gemeinden verstärkt den Dialog mit den dort lebenden Moslems führen;
· von kirchlicher Seite den interkulturellen und interreligiösen Dialog verstärken;
· ein größeres Verständnis für religiöse Gefühle in unserer säkularisierten Gesellschaft wecken;
· das Projekt einer "christlich-islamischen Friedensarbeit" stärken und weiter ausbauen;
· das Bewusstsein für die Werte der westlichen Kultur fördern und ein selbstbewuss-tes, doch nicht überhebliches Eintreten für die eigenen religiösen und weltanschau-lichen Überzeugungen üben;
· die im März anstehende Woche gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nutzen um Respekt vor allen Religionen und Glaubensgemeinschaften auszudrücken und Aufstachelung zum Hass zurückzuweisen;
· zu einer besseren Integration muslimischer Einwanderer aktiv beitragen (Kommunal-politik, Bildung, kulturelles Leben);
· Kontakte aufbauen und Möglichkeiten der Unterstützung für Gruppen im Iran und anderen Ländern des Mittleren Ostens suchen, die sich für Menschenrechte, Demokratie und Frieden einsetzen;
· Vermittlungsinitiativen im Iran-Konflikt - wie den Appell an Kofi Annan - unterstützen und die westlichen Staaten zum Verzicht auf jegliche Kriegoption aufrufen;
· eine Aufarbeitung der Skandale im Anti-Terror-Kampf einfordern;
· die Idee einer Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit im Nahen und Mittleren Osten vorantreiben;
· mit den je eigenen Kompetenzen zu langfristigen und umfassenden Problemlösungen beitragen, die unsere Energieversorgung, den Klimaschutz und die Sicherheit für alle Menschen betreffen.
Diese Meinungen und Vorschläge stellen wir zur Diskussion - in unseren Gruppen, Bistums-stellen und Kommissionen.
Wir freuen uns über die Auseinandersetzung unserer Mitglieder mit unseren Gedanken, auf Diskussionsbeiträge und weiterführenden Ideen!
Bad Vilbel, den 20. Februar 2006