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Das Präsidium von pax christi plädiert für angemessene zivile Maßnahmen im Kampf gegen Terror und ruft zum Dialog mit den islamisch arabischen Staaten auf - Sep. 2002

Der Krieg zerreißt die Netzwerke des Terrors nicht

Der Jahrestag des 11. September 2001 mit den massenmörderischen Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon ruft auch ein Jahr danach die Bilder und das Entsetzen über diese Tat in Erinnerung. Die Wunden, die dieses Verbrechen geschlagen hat, sind bis heute nicht verheilt. Weder der weggeräumte Schutt der Trümmer der eingestürzten Zwillingstürme in Manhattan noch die zahlreichen Analysen und Täterprofile und erst recht nicht das Bombardement auf Afghanistan und der Sturz des Taliban-Regimes können darüber hinweg täuschen, dass mit den Attentaten das Lebensgefühl der meisten Menschen in der westlichen Welt von Unsicherheit geprägt und das politische und militärische Agieren gegen die Verantwortlichen dieser Tat an Grenzen gestoßen ist. Die Auseinandersetzung mit den Attentaten von New York und Washington, die als Verbrechen im Rahmen der UN und des Völkerrechts strafrechtlich verfolgt werden müssen, erfordert eine dialogische und politische Reaktion, statt die Lösung in militärischen Maßnahmen zu suchen.

pax christi nimmt den Jahrestag zum Anlass, um im Rückblick auf das Geschehen und die darauf erfolgten militärischen Reaktionen für eine politische Auseinandersetzung mit dem Problem des internationalen Terrorismus zu plädieren, die nicht selbst wieder zum Nährboden neuer Gewaltakte wird.

Der Anschlag ist das Ergebnis "privatisierter Gewalt" 2819 unschuldige Menschen mussten ihr Leben lassen; Zehntausende Angehörige, Freunde und Kollegen bleiben als Trauernde zurück. Sie alle sind Opfer eines fast grenzenlosen Hasses und einer ideologisch verfestigten Ablehnung der als aggressiv erlebten westlichen Lebensweise. Der Anschlag war die Tat durchaus privilegierter, reicher Personen, die zu einem weltweiten Netzwerk potenzieller Gewalttäter gehören. Mit den Anschlägen von New York und Washington ist eine "Privatisierung von Gewalt" offenkundig geworden, die die Begrenztheit herkömmlicher militärischer Gegenmaßnahmen im Rahmen eines staatlichen Gewaltmonopols deutlich macht. Menschen werden als lebende Bomben von skrupellosen Hintermännern missbraucht. Die Selbstmordattentäter unterlaufen die gigantischen Waffenarsenale und Milliarden schweren Rüstungsprogramme, indem sie sich u.a. der technologischen Mittel bedienen, die die reichen Staaten bereit halten. Gegen diese terroristischen Handlungen sind militärische Reaktionen wirkungslos; die unauffällig in den Gesellschaften lebenden potenziellen Attentäter werden so nicht unschädlich gemacht. Zudem ist es verwerflich, zur Verfolgung der Täter privatisierter Gewalt Kriege gegen Staaten zu führen und damit deren Bevölkerung zusätzlich zu Opfern zu machen.

Den Ursachen der Anschläge auf den Grund gehen Der Anschlag war nicht der Aufschrei der entrechteten und in Armut lebenden Menschen. Wohl aber bildet die Spaltung der Welt in Arm und Reich für die Verantwortlichen des terroristischen Netzwerkes den ideologischen Resonanzboden, auf dem sie Unterstützung und neue Kämpfer gewinnen können. Die nach dem 11.9. vor allem in der US-amerikanischen Gesellschaft gestellte Frage: "Warum hassen sie uns?" ist bisher nicht beantwortet. Versteht der Westen die Wut der Unterlegenen, die missglückten Modernisierungsprozesse, das Scheitern von Staaten, die Frustration über verweigerte Partnerschaft? Die aus diesen Krisen abgeleiteten Bedrohungsszenarien werden als Grundlage einer neuen universalen Sicherheitspolitik ausgegeben; sie erhebt den Anspruch, Schutz vor Terror zu schaffen, fragt aber kaum nach den Ursachen für Gewaltakte. Deshalb ist eine Abwehrstrategie erforderlich, die Demütigungen im Selbstwertgefühl und die Spaltung in Arme und Reiche überwindet, damit diese nicht zur Rechtfertigung weiterer Anschläge im vermeintlich gerechten Kampf gegen den Westen dienen kann. Diese Strategie ist bislang in den militärischen Antworten auf die Anschläge vom September vergangenen Jahres nicht zu erkennen gewesen.

Der Krieg in Afghanistan hat gezeigt, dass militärische Mittel ungeeignet sind für eine ernsthafte Bekämpfung terroristischer Gewalttäter Der Sturz des Taliban-Regimes hat zwar zu einigen Ansätzen einer Demokratisierung in Afghanistan geführt; die vermuteten Anstifter der Anschläge des 11. September aber konnten nicht gefasst, die vorhandenen Netzwerke terroristischer Gewalt nicht ernsthaft geschwächt werden. Über 4000 Menschen wurden in diesem Krieg getötet. Die Bilanz dieses Krieges ist geeignet, in den islamisch-arabischen Ländern neuen Hass auf den Westen und seine Führungsmacht, die USA, zu schüren und den Grund für neue Terrorakte zu legen. Wenn es zutrifft, dass die USA in Afghanistan vornehmlich eigene geostrategische Interessen wie Versorgungswege für Erdöl oder den Aufbau strategischer Vorposten gegen den Iran verfolgen, statt eine nachhaltige und friedenssichernde Entwicklung in der Region zu befördern, dann verdichten sich darin Strukturen von Gewalt, die eine zutiefst ungerechte Weltordnung befestigen. In diesem Falle tragen die USA und die westlichen Verbündeten eine materielle, soziale und moralische Mitverantwortung für eine neue Eskalation der Gewalt. Sie müssen sich immer deutlicher fragen lassen, ob denn der weltweite Anti-Terror-Krieg gegen die "Achse des Bösen" etwas anderes ist als ein politisches Vehikel zur militärischen Durchsetzung von Macht- und Wirtschaftsinteressen im globalen Maßstab.

Europa muss neue politische Perspektiven für Krisenregionen eröffnen Ein wirksames Vorgehen gegen terroristische Netzwerke kann deshalb nicht in einer weiteren Kriegführung, z.B. gegen den Irak, bestehen. Insbesondere die europäischen Staaten sind in dieser Situation herausgefordert, den islamisch-arabischen Ländern Perspektiven einer Politik zu eröffnen, die frei ist von politischen Bevormundungen oder gar Demütigungen, die die Angst vor einer westlichen kulturellen Überfremdung der orientalischen Gesellschaften mindert und ihr Selbstwertgefühl stärkt. Die europäischen Staaten sollten nicht die Rüstungsanstrengungen der USA kopieren; gemeinsame Aufgabe muss es vielmehr sein, ökonomische, ökologische und völkerrechtliche Standards zu entwickeln, die eine partnerschaftliche Annäherung mit den Ländern des Orients und darüber hinaus einen weltweiten Ausgleich zwischen Nord und Süd ermöglichen. Europa muss im Rahmen der UN dafür sorgen, dass geeignete Instrumente zur Durchsetzung des Menschen- und Völkerrechts entwickelt und eingesetzt werden. Auch darf die Abwehr terroristischer Anschläge nicht zum Abbau demokratischer Grund- und Freiheitsrechte führen.

Die Religionen und Kirchen müssen ihren Dialog vertiefen Besonders die monotheistischen Religionen haben in ihrem Absolutheitsanspruch eine ambivalente Beziehung zu Krieg und Gewalt. Das Wort vom Heiligen Krieg kennen sie alle ebenso wie die Rede von Frieden und Versöhnung. Ein strenger Gottesglaube und tiefe Frömmigkeit können Frieden stiften, doch auch in Fanatismus umschlagen und der Rechtfertigung von Gewalttätigkeit dienen. Religionen wissen um die Macht der Bilder und Visionen, sie kennen eine "weltanschauliche Logik". Um so wachsamer sollten sie sein gegenüber allen Feindbildern und Projektionen von Ängsten und der Ideologisierung sozialer, wirtschaftlicher oder kultureller Unterschiede. Der nach dem 11.9. auch öffentlich oft angemahnte Dialog der Religionen setzt voraus, dass Fremdheit zunächst verstanden, nicht aber bekämpft wird. Die Erwartung, ein Frieden unter den Religionen könne zu einem Weltfrieden führen, wird sich nur erfüllen, wenn nicht nur ein Prozess des Dialogs mit dem jeweils Anderen, sondern auch eine kritische Selbstaufklärung begonnen wird. Dialoge müssen aber in Kenntnis der eigenen Positionen und "auf gleicher Augenhöhe" geführt werden; es reicht nicht aus, Religion - die eigene wie die fremde - nur als kulturelles Phänomen oder privates Bewusstsein zu registrieren.

In besonderer Weise sind die Weltreligionen zum Dialog herausgefordert. Christen, Juden und Muslime können durch ihre Dialogbereitschaft deutlich machen, dass ihre Religionen einen gemeinsamen Ursprung haben und Frieden und Gerechtigkeit die Grundlagen für das Zusammenleben der Menschen bilden. Ein solcher Dialog sollte die möglichen Gemeinsamkeiten suchen und benennen und - wie das Zweite Vaticanum es angezielt hat - nach dem fragen, was in den jeweils anderen Religionen wahr und heilig ist.


Was ist zu tun?  Im Rahmen der Vereinten Nationen muss das Völkerrecht weiter entwickelt werden, um die internationale Strafverfolgung von Terrorverbrechen zu verbessern (zunächst durch internationale Polizeikräfte und den Internationalen Strafgerichtshof).  Die Staaten der Europäischen Union brauchen eine eigene angemessene Strategie zur Bekämpfung der Terrorursachen, die geprägt ist von ziviler Konfliktbearbeitung, ökonomischer Entwicklung, ökologischer Klugheit und interkulturellem Dialog; auch sollten sie mehr Initiativen zur Lösung regionaler Konflikte entwickeln, die derzeit Terror hervorrufen.  Von der US-amerikanischen Regierung fordern wir den Verzicht auf einen militärischen Schlag gegen den Irak und die Beendigung des Embargos; vom Irak fordern wir den Verzicht auf Massenvernichtungswaffen und die Zulassung einer internationalen UN-Waffenkontrolle.  In unserer Kirche wünschen wir einen verstärkten Einsatz für den Dialog mit dem Islam, dem Judentum und den anderen Weltreligionen - in dem Bewusstsein, dass Frieden ein Werk der Gerechtigkeit ist, das einer auch politisch aktualisierten Vorstellung vom "gerechten Krieg" die Vision gelungenen Lebens in einem gerechten Frieden gegenüber stellt.  Als Friedensbewegung werden wir uns selbst verstärkt einsetzen für interkulturellen und interreligiösen Dialog, für weltweiten ökonomischen Ausgleich und gerechtere Globalisierung, für die Verteidigung von Bürgerrechten, Rechtsstaatlichkeit und Liberalität sowie für vielfältige Alternativen zum Militär.

Bad Vilbel, 9.9.2002